Achtsamkeit Retreat in Geras

 

 

Eine ungewöhnliche und bereichernde Erfahrung...

 

Haben Sie es schon eine Woche lang ausprobiert? :

- mit niemandem zu sprechen

- nichts zu lesen

- nichts zu schreiben

- kein Fernsehen oder Radiohören

- niemanden in die Augen zu schauen

- sich vegetarisch oder vegan zu ernähren

- und sogar kein Handy und keinen Computer zu benützen!

 

 

Für einen Mensch der Gegenwart fast unvorstellbar!

Aber nur fast, weil man auch in der heutigen Gesellschaft ähnliche Erfahrung machen kann, falls man an einem Achtsamkeits- Retreat teilnimmt. Von 22. bis 28.8.2013 hatte ich diese Möglichkeit, als eine der Teilnehmerinnen am Retreat mit dem Untertitel „Zum Kern der Praxis – Where the rubber meets the road“ mit Bob Stahl, Ph. D im Geras, Waldviertel, dabei zu sein. Der klösterliche Geist der Gebäude des „Vierjahrzente Retreat Waldviertel“ verstärkte die meditative Atmosphäre. Wesentliche Ziele des Retreats waren eine Beruhigung des Geistes, Öffnen des Herzens und das Entwickeln einer tiefgründigen Klarheit in der Einsichtsmeditation. 

Dieses war durch durchgehende Übungen der Sitz und Gehmeditation möglich. Vor allem die Gehmeditation hatte in meinem Erleben ermöglicht, eine automatisierte Tätigkeit (das Gehen) auf einer vollkomme neue Art und Weiße zu erleben (wesentlich langsamer und achtsamer). Dieser neue Zugang bewirkte ein Durchbrechen der Automatismen im Unbewussten und somit eine vollkommen neue Erfahrung, bei der verdrängte Gefühle, Empfindungen und Erinnerungen auftauchten und neu verarbeitet wurden. Aus dem gleichen Grund wurde während des gesamten Retreats nichts gesprochen (auch nicht außerhalb des Seminars), nichts gelesen und geschrieben. Es wurde sogar empfohlen, sich gegenseitig nicht anzuschauen.

 

Eine sehr heilende und bereichernde Erfahrung, die ich jedem nur empfehlen kann.

 

Am Abend, nach dem schweigend eingenommenen Essen, kommt man ins Hotelzimmer. Normalerweise würde man automatisch e-Mails erledigen, mit der Familie oder Freunden telefonieren, das Fernsehen anschalten und den aktuellen Zustands von Facebook kontrollieren ;). Ja, diese Woche war es aber anders. Nach einem ganzen Tag Schweigen und nur mit sich selbst zu sein, ging es am Abend weiter. Man empfand plötzlich viel Raum. Es wurde nun klar, wie oft wir versuchen scheinbare „Leere“ durch anderen Menschen, durch eine Aktivität auszufüllen. Es wurde deutlich klar, wie oft wir versuchen, von uns selbst wegzulaufen. Und dabei ist es so einfach. Durch diese „Leere“ entsteht viel Raum, in dessen Mitte man sich selbst findet.

 

Auch durch Sitzmeditation, die meistens 45 Minuten dauerte, wurde dieses Gefühl verstärkt. Durch diese starke Wahrnehmung von sich selbst wurden alle eigene Stärken aber auch Schwächen mehr sichtbar. Und wie es Bob Stahl gesagt hatte: „ In der Mitte dieser Schwächen findest du dich selbst und dein Herz.“

 

Aus dem Programm des Seminars: Die Meditationsanleitungen folgten den traditionellen vier Grundlagen der Achtsamkeit, verbunden mit Übungen zum Entwickeln von liebender Güte und Mitgefühl in einem abwechselnden Rhythmus von Sitzen in Schweigen, Gehen und Dharma-Belehrungen. Grundlage vieler Meditationsübungen im MBSR war das Vipassana. Dieses Retreat hatte einen besonderen Fokus auf diese grundlegende Verbindung zwischen Vipassana und MBSR. Uns wurde eine systematische Anleitung in Vipassana-Meditation (Übungen im Sitzen und im Gehen) erläutert und konnte durch praktische Übungen erlebt werden.

 

Abends erläuterte Bob Stahl den praktischen Bezug der zentralen Lehren Buddhas zu unserem täglichen Leben und zu achtsamkeitsbasierten Verfahren wie MBSR oder MBCT. Seine interessanten Geschichten von seinem achtjährigen Aufenthalt im Kloster fesselten uns im Meditationssitz. Eine von denen bleibt bei mir räsonierend bis heute: „Ich habe meinem alten weißen Lehrer eine wichtige Frage gestellt. Hast du eigentlich Angst vor dem Tod? Und er hatte mir etwas geantwortet, an das ich mich bis jetzt genau erinnere und ich will, dass ihr das auch wisst und weiter gebt. Er hatte mir Folgendes gesagt: der Tod ist auch eine Erfahrung. Und genauso wie ich achtsam esse, will ich achtsam sterben. Ich will achtsam und bewusst über mein Sterben sein und ich bin sehr neugierig auf das Gefühl, wenn meine Seele meinen Körper verlässt.“ Bob Stahl.

 

Am Ende des Retreats saßen wir in den Gruppen und wurden drauf vorbereitet, nach einer Woche die ersten Worte zu sagen. Plötzlich war es so ungewöhnlich zu sprechen, plötzlich bekamen Wörter eine neue Qualität. „Wir verlassen uns so auf die Wörter selbst und dabei machen sie daraus weniger, als es tatsächlich ist“, fällt mir als einer der ersten Gedanken nach eine Woche des Schweigens ein.

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