Konferenz Los Angeles 2013: Evolution of Psychotherapy

"Meer der Verbundenheit"

Die Entscheidung, an der Evolution of Psychotherapy Conference 2013 teilzunehmen, fällt in letzter Sekunde. Im nächsten Moment sitze ich schon im Flugzeug und über das runde Fenster nehme ich wahr, wie klein unsere Erde ist. Als eine von 8.600 TeilnehmerInnen  aus 50 Ländern entferne ich mich von Wien und steuere auf Anaheim bei Los Angeles zu. Alle vier Jahre treffen sich dort angesehene Experten aus allen Richtungen der Psychotherapie bei der EP Conference, um sich über neueste Erkenntnisse und Ideen auszutauschen.

 

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Evolution Psychotherapy Faculty 2013

 

Gerade angekommen, geht es weiter ins Hotel: die Koffer auspacken, in den Plan schauen, den Jetlag im Hotelzimmer lassen - und schon geht es los zur Eröffnung der Konferenz. Vor dem Anaheim Convention Center gerate ich in eine Ansammlung von Teilnehmenden, die sich in Richtung Arena bewegen. Ich kann schon bekannte Gesichter erkennen, sie sind aber sehr weit weg. Jeder bemüht sich, einen guten Platz für die Eröffnung zu finden.

 

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Anaheim Convention Center

 

Für den Architekten der Konferenz, den Psychologen, Psychotherapeuten und Direktor der Milton Erickson Foundation, Dr. Jeff Zeig, ist es natürlich auch ein besonderer Moment: „Für mich persönlich war es sehr erfreulich. Es ist ein seltener Moment, wenn die Realität alle Erwartungen in den Schatten stellt, die ich an diese Tagung hatte.“ 

 

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Architekt der EP Conference Jeff Zeig, Ph.D bei der Eröffnung

 

Von der Eröffnung gehe ich zum ersten Workshop über „Mindfulness and Brain“ von Daniel Siegel. Seine spannende Suche nach der Definition der "Mind" verknüpft er in seinem Vortrag mit den neuesten Erkenntnissen über das menschliche Gehirn. Es bleibt jedoch längst nicht nur bei der Theorie - zu jeder Erkenntnis erfährt man von praktischen Anwendungen für die tägliche psychotherapeutische Arbeit. Es ist ein sehr empfehlenswerter Workshop, bei dem man sich als Zuhörer, um es mit Daniel Siegels Worten zu sagen, „gefühlt fühlt“.

 

 

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Daniel Siegel (Neurobiologie Spezialist und Verteter der achtsamkeitsbasierten Psychotherapie) im Vortrag: "Mindfulness and Brain"

 

Noch immer umhüllt von der Atmosphäre des vorigen Seminars, gehe ich zum nächsten Vortrag. Es ist eine Präsentation von Salvador Minuchin. Er spricht an diesem Abend von der Kraft der Familientherapie. Es freut mich sehr, ihn wieder zu sehen; schon vor vier Jahren hatte er sich mit den Worten "Good Bye" verabschiedet. Und nun steht der 90-jährige Professor der Kinderpsychiatrie und Familientherapeut wieder voller Elan auf der Bühne. Er verspricht augenzwinkernd, uns in den 50 Minuten seines Vortrages alles zu erklären, was er im Laufe seiner Karriere gelernt hat. Mit eleganter Natürlichkeit beschreibt er Schritte und Strategien in der Familientherapie anhand einer Video-Präsentation über eine anorektische Patientin. Seine einmalige Fähigkeit, in wenigen Minuten in der Therapie zum „Familienmitglied“ zu werden, und dann über gezielte Verwirrung festgefahrene Strukturen in der Familie zu destabilisieren und neu, gesünder zu orientieren, spiegelt sich in unserem eigenen „Mitschwingen in diesem Familientherapiekonzert" wieder. Es gibt lange Standing Ovations und wir hoffen, ihn in vier Jahren wieder erleben zu dürfen.

 

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Familientherapeut Salvador Minuchin bei seiner Präsentation

 

Humor bleibt uns auch bei der Präsentation über Traumatherapie von Donald Meichenbaum nicht verwehrt. Er ist einer der Mitbegründer der Kognitiven Verhaltenstherapie und wurde zu einem der zehn einflussreichsten Psychotherapeuten des Jahrhunderts gewählt. In seiner (Video)-Präsentation, die von praxisorientierten alternativen Zugängen bei der Traumatherapie handelt, verbindet er in sehr origineller und humorvoller Art und Weise das Tragische mit dem Komischen. Seine energiegeladene Vortragsweise, die sich nicht selten zu einem gut gelungenen psychotherapeutischen Kabarett entwickelt, ist nur schwer zu beschreiben. Es ist ein fast dreistündiger Lachmarathon, verknüpft mit wichtigen Informationen, dem wir uns hingeben. 

 

 

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Verhaltenstherapeut Donald Meichenbaum (rechts) und Gestalttherapeut Erving Polster (links) in einer Diskussion über Trauma und Spiritualität

 

Das Kabarett hat am Abend ein Echo. Wie auf jeder Konferenz kann man sich auf der "EP Dance Party" gut unterhalten und tanzen. Betty, Nicole, Loren, Jeck, Richard, Michael, Antoanella und ich treffen uns wie jedes Jahr beim Tanzen, ohne sich zu verabreden. Dieses Jahr ist es sogar möglich gewesen, an einem Tanzkurs mit professionellen Tanzlehrern teilzunehmen.

Eine Atmosphäre der Verbundenheit und der Leidenschaft für den Beruf Psychotherapie ist überall spürbar. „Es war hervorragend. Sehr inspirierend.“, höre ich am frühen Morgen im Aufzug auf dem Weg zu einem Seminar. Heute ist ein Vortrag von Steven Hayes, der Mitentwickler der ACT (Acceptance and Commitment Therapy). Bei seiner klinischen Demonstration und seinem Seminar bleibt kaum ein Auge trocken. Verknüpft mit tragischen, wahren Geschichten spricht er über das Thema Mitgefühl. „Das Leid als eine zarte Blume in die Hände zu nehmen …“ - dieser Satz bleibt sicher bei vielen Teilnehmern in Erinnerung.

 

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Steven Hayes: Mitbegründer der Acceptance and Commitment Psychotherapy bei seinem Vortrag

 

In der ersten Reihe eines Seminares treffe ich Scheila - eine mir bis jetzt noch völlig fremde ältere Dame. Sie begrüßt mich und erzählt mir spontan ihre persönliche Geschichte. „Ich bin auf allen Evolution of Psychotherapy Konferenzen seit 1985 gewesen …“, sagt sie mit einer stoischen Ruhe. Danach fügt sie hinzu: „… mit meinem Ehemann. Er ist aber vor 3 Jahren leider gestorben. Alles hier erinnert mich an ihn.“ Ihre Augen, die sowohl Leid, als auch Liebe ausstrahlen, erinnern mich an "das Leid wie eine zarte Blume in den Händen" vom heutigen Seminar. Es wird mir immer mehr bewusst, dass diese Konferenz nicht nur die Geschichten der Psychotherapie, sondern auch viele persönliche Geschichten betrifft. Persönliche Geschichten von uns Teilnehmern, vortragenden Psychotherapeuten, aber auch von den Legenden der Psychotherapie.

 

Am Freitagabend findet die Premiere des Filmes „Wizard of the desert“, über M. Erickson, statt. Regisseur Alexander Vesely führte für diesen Film vier Jahre lang Recherchearbeiten durch und drehte auf einigen Plätzen in Amerika, die mit Erickson verbunden sind. Auch Ericksons Familie ist bei der Filmvorführung anwesend. Besonders berührend sind die Worte von Michele Ritterman, der letzten lebenden Schülerin Ericksons: „Ich bin erst 22 gewesen, und dennoch hatte er mich als Frau immer ernst genommen. „Kurz bevor er gestorben ist, hatte er mich gefragt: ‚Michele, wie willst du mich jetzt bezahlen?‘ Ich stotterte und dann sagte M. Erickson zu mir: ‚Ich gebe dir zwei Möglichkeiten: Entweder du bezahlst mich, oder du wirst eine großartige Psychotherapeutin werden. Und ich habe mir einfach das zweite ausgewählt.‘“, erzählte Michele Ritterman berührt am Ende des Filmes.  Bill O‘Hanlon spricht in Film zur jüngeren Generation der Psychotherapeuten: „Ich würde mir wünschen, dass das Erickson’s Werk weiter erforscht und analysiert wird, vor allem von der jungen Generation der Psychotherapeuten. Ich wäre neugierig, wie es dieses Genie der Psychotherapie es wirklich gemacht hat. Ich habe ihn studiert und das hat mir geholfen, ein viel besserer Psychotherapeut zu sein." Nach der Premiere schnappe ich noch viele Gefühle und Eindrücke auf. Jemand spricht Bill O’Hanlon an: „Faszinierend. Sie haben Milton Erickson persönlich getroffen.“ O’Hanlon antwortet: „Nun, jetzt haben Sie ihn auch persönlich getroffen.“ Der Film ist sehr authentisch und realitätsnah gewesen. Eine persönliche Begegnung mit dieser Legende der Psychotherapie, die noch viele Herzen der jungen Psychotherapeuten berührt und Ideen der Menschlichkeit weiter verbreitet. (Film Bestelleungen: www.wizardofthedesertfilm.com)

 

Am Samstagvormittag gehe ich beim Ausstellungstisch des Erickson-Museums (https://erickson-foundation.org/erickson-museum/) vorbei, wo die gesamte Familie von M. Erickson Fragen über ihren berühmten Verwandten beantwortet. Lance Erickson, Sohn der Psychotherapie-Legende, erzählt mir, wie wichtig die hölzernen Skulpturen für seinen Vater gewesen sind. Mit dem Kauf eines kleinen holzenen Bisons nehme ich an einem kleinen Preisausschreiben teil.

 

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Milton Ericksons Familie beim Kartenspiel-Porträt von Milton Erickson: v.l.n.r.: Helen Erickson, Lance Erickson, Betty Alice Erickson, Roxana Erickson-Klein und Christel Erickson-Collins

 

Am Samstagabend findet eine Autoren-Stunde statt, wo man eigene Bücher signieren lassen kann. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es besser ist, erst später hin zu gehen, da man sonst zu lange warten müsste. „Erika kommen Sie in’s Erickson-Museum und holen Sie sich Ihren Preis ab.“, lädt mich eine Facebook-Nachricht in die Autoren-Stunde ein.Schon bald erfreue ich mich am Besitz des gewonnenen Buches „Hoffnung und Resilienz“ und lasse es von allen drei Autoren signieren. Roxana Erickson schreibt eine kleine Widmung dazu. „Mit den Schultern in der Sonne und den Füßen im Nebel…erreichen wir neue Freundschaften“, lese ich noch nichts ahnend, was es für mich persönlich bedeuten könnte.

 

In der Autogramm-Stunde sehe ich eine lange Schlange vor dem Tisch von Irwin Yalom. Am Samstag hielt er einen Vortrag, in dem er von dem Zusammenhang zwischen Philosophie und Psychotherapie sprach. Seine authentischen Geschichten und Romane aus der Psychotherapie sind eine Inspiration für viele Therapeuten und Ärzte. 

 

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Irwin Yalom (Vertreter der existenziellen Psychotherapie, Schriftsteller); und Diane Ackerman (Schriftstellerin und Lyrikerin) bei Autogrammstunde

 

Am Samstag in der Früh treffe ich zufällig Judith Beck im Hotel. Sie ist eine von wenigen vortragenden Frauen auf der Konferenz. Spontan erläutert sie mir auf dem Weg ins Convention Center ihr Programm für die Konferenz. Wir unterhalten uns später länger vor allem über die Möglichkeiten des Einsatzes kognitiver Therapie für Suchtpatienten.

Am Abend führt sie gemeinsam mit ihrem Vater, Aaron Beck, eine Präsentation vor, bei der der 92-Jährige Psychotherapeut über Skype sehr schlagfertig auf ihre Fragen antwortete. Er gilt als Vater der Kognitiven Verhaltenstherapie und etwa gleichzeitig mit Albert Ellis veränderte er die klassische Verhaltenstherapie und ergänzte sie um kognitive Konzepte, die er vor allem auf die Psychotherapie der Depression anwandte. Seine Einstellungen in Vortrag orientieren sich vor allem an Verknüpfungen und Tendenzen zur Integration verschiedener Psychotherapierichtungen. Sein Vortrag bewirkte starke Emotionen im Publikum. Langanhaltendes Standig Ovation beobachtet er sowohl gerührt, als auch überrascht über seine Skype-Kamera. 

 

 

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Aaron und Judith Beck (kognitive Verhaltenstherapie) bei ihrem Hauptvortrag

 

Freitag und Samstag sind die interessantesten und bei den Teilnehmern beliebtesten Tage der Konferenz: Klinische Demonstrationen im Stundentakt. Man hat hier die Möglichkeit, den einzelnen Vortragenden direkt bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Außer den oben angeführten Vorträgen, sehe ich mir auch viele weitere an: Michael Yapko (Neuericksonianische Hypnosepsychotherapie), Judith Beck (Kognitive Verhaltenstherapie), Marsha Linehan (Dialectical Behavior Therapy), Otto Kernberg (Transference Focused Psychotherapy), Jack Kornfield (Buddhistische Psychotherapie), Sue Johnson (Emotional Focused Therapy), Stephen Gilligan (Self-Relations and Generative Psychotherapy) , Bill O’Hanlon (Solution-Oriented Therapy), David Dilts (NLP), Ernest Rossi (Mind-Body-Therapy), Erving Polster (Gestalttherapie), Martin Seligman (Positive Psychologie), Bessel van der Kolk (Research In The Area Of Post-Traumatic-Stress), Francine Schapiro (EMDR), Irvin Yalom (Existential Psychotherapy), Herville Hendrix (Imago Relationship Therapy), Claudia Black (Therapy Of Addictive Disorders) und Daniel Amen (Brain Imaging Specialist).

 

 

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Neuericksonianischer Hypnosepsychotherapeut Michael Yapko bei seiner klinischen Demonstration

 

 

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Kathrin Rossi (rechts) und Ernest Rossi (Mitte), Vertreter der Mind-Body-Psychotherapie, bei ihrer klinischen Demonstration

 

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Francine Shapiro, Begründerin der berühmten EMDR-Traumatherapie bei ihrem Vortrag

 

Die Konferenz ist sehr gut vorbereitet gewesen, auch marketingstrategisch. Man kann sich sogar spezielle "EP 2013 Spielkarten" kaufen, die ein großes Echo bewirken. Diese Karten sind mit humorvollen Portraits der einzelnen Psychotherapie-Legenden versehen und sind in Lebensgröße auf der Konferenz aufgestellt, wodurch man die Möglichkeit erhält, sich mit einem schon verstorbenen Psychotherapeuten ablichten zu lassen (Bestellungen: www.mastersofpsychotherapy.de).

 

 

 

 

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Berühmter Sigmund Freund, Carl Gustav Jung, Viktor Frankl und einige andere Psychotherapie-Legenden an dem humorvollen "Masters of Psychotherapy" Spielset

 

 

Wahrscheindich ebenso aus Werbegründen wurde die berühmte Sängerin Alanisse Morissette eingeladen, die vor allem zum Thema Feminismus einiges zu berichten hat. Es ist allerdings in meinen Augen fraglich, ob die heutigen wissbegierigen, jungen Psychotherapeuten solche „Lockmittel“ wirklich brauchen. Auf der Konferenz ist eine wirklich fantastische Auswahl an Experten.

 

Nun sitze ich wieder im Flugzeug und erinnere mich an die Eindrücke von der Konferenz. Es ist für mich nicht nur beruflich sondern auch persönlich wichtig gewesen, dabei zu sein. Es ist ein langer Flug gewesen, ein neuer Ort und Menschen aus aller Welt, die einander helfen, Abstand zu gewinnen. Abstand zum eigenen Tun, zu eigenen Gefühlen und Gedanken. Ich nehme mir viel aus dieser inspirierenden Atmosphäre, aus diesem "Meer der Verbundenheit" mit nach Hause. Viele Ideen und neue Erkenntnisse bereichern nun meine psychotherapeutische Arbeit. Und der Abstand zu mir selbst hilft mir, mich neu zu orientieren und meine Ziele klarer zu sehen. Ich kann jetzt "meinen Kopf endlich auf einen Regal hinstellen" und "meine Schultern in die Sonne strecken, während meine Füße noch im Nebel sind" - zumindest für ein paar Tage.Lächelnd

Erika Chovanec

 

 

Erinnerung an die erste Evolution of Psychotherapy Konferenz 1985:

 

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Evolution of Psychotherapy Faculty 1985:

hintere Reihe (v.l.n.r.): Bruno Bettleheim; James Masterson, Jeffrey Zeig, Ronald Laing, Ernest Rossi, Erving Poster, Salvator Minuchin, Lewis Wolberg

mittlere Reihe (v.l.n.r.): Rollo May, Arnold Lazarus, Judd Marmor, Aaron Beck, Carl Whitaker, Murray Bowen, Thomas Sasz, Paul Watzlawick, Jay Haley, Joseph Wolpe

vordere Reihe (v.l.n.r.): Alber Elis, Mary Goulding, Robert Goulding, Zerka Moreno, Cloe Madanes, Virginia Satir, Miriam Polster, Carl Rogers 

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